Statement von Oberbürgermeister Thomas Kufen zur Debatte um mögliche EVONIK-Übernahme

15.10.2026

"Die aktuelle Debatte um das Essener Spezialchemieunternehmen Evonik ist auch ein Weckruf für den Chemiestandort Deutschland insgesamt. Es geht nämlich nicht nur um einzelne Standorte, sondern um die Zukunft und bessere Rahmenbedingungen für die heimische chemische Industrie.

Ministerpräsident Henrik Wüst und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bin ich sehr dankbar für ihre klare Haltung zum Standort Essen und zur Zukunft der Evonik AG. In Essen stehen nicht nur der Produktionsstandort an der Goldschmidtstraße, sondern auch die Konzernzentrale für wertvolle Industriearbeitsplätze in Produktion und Management, Innovation und industriepolitische Wertschöpfung. Für den Erhalt dieser Arbeitsplätze setze ich mich als Essener Oberbürgermeister nachdrücklich ein.

Gleichzeitig darf die Debatte nicht auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt bleiben. Es geht mittlerweile um weit mehr: Die Chemieindustrie schafft die Vorprodukte für alle relevanten Branchen und ist somit eine Schlüsselindustrie für Deutschland, die für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland insgesamt von Nöten ist.

Wir müssen die Bedingungen für die chemische Industrie in Deutschland nachhaltig verbessern. Unternehmen der Chemiebranche müssen in Deutschland wieder erfolgreich wirtschaften und investieren können.

Nach Einschätzung der Mitgliedsunternehmen des VCI (Verband der chemischen Industrie) von Juni 2026 (www.vci.de/ergaenzende-downloads/19-umfrage-kurzfassung.pdf ) gehören zu den größten Herausforderungen strukturelle Probleme, wie die aufwändige Umweltbürokratie und die Regulierungsflut, sowie langsame Genehmigungsverfahren. Die Kosten bei Arbeit, Energie, Rohstoffen sind hoch, hinzu kommen Steuern und Abgaben. Gebühren wie das ETS (European Union Emissions Trading System), die in anderen Teilen des Globus nicht anfallen, verzerren die Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Zölle, Handelsbarrieren, Protektionismus, geopolitische Unsicherheiten bremsen die Exporte und es besteht zunehmender Importdruck auf dem Heimatmarkt. Außerdem beeinträchtigen demografische Belastungen Unternehmen.

Vor allem auf europäischer Ebene müssen bestehende Regelungen kritisch überprüft und im Interesse von Arbeitsplätzen und Wachstum verbessert werden. Ich appelliere deshalb an die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel, die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie endlich einer höheren politischen Priorität beizumessen. Die NRW-Landesregierung hat vor wenigen Tagen mit einer Bundesratsinitiative wichtige Impulse dafür gesetzt. Erforderlich ist ein abgestimmtes Reformprogramm, das Bürokratie konsequent reduziert, Genehmigungen beschleunigt, Energie und industrielle Vorprodukte bezahlbarer macht, steuerliche Belastungen überprüft und die Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte stärkt.

Die Diskussion um Evonik und BASF kann nur der Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Debatte sein. Es geht um die Zukunft eines ganzen Industriezweiges, um gute Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Stärke unseres Landes."

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