Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen unterstützen Familien auf dem Weg zu passenden Hilfen

Kenntnisnahme des aktuellen Berichts im Jugendhilfeausschuss

08.09.2026

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Wenn Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung leben oder möglicherweise Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe haben, stehen Familien häufig vor komplexen Fragen – Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen beraten dabei.
  • Seit Einführung der Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen wurden insgesamt 483 junge Menschen und Familien beraten. Im aktuellen Berichtzeitraum kamen 1.186 Kontakte hinzu.
  • Ein Schwerpunkt liegt auf der Schnittstelle zwischen Kita und Schule sowie auf der Frage, wie Unterstützungsleistungen auch beim Wechsel des Leistungsträgers möglichst nahtlos fortgeführt werden können.

Der Jugendhilfeausschuss hat in seiner heutigen Sitzung (08.09.) den aktuellen Bericht über die Verfahrenslotseninnen*Verfahrenslotsen für den Zeitraum 1. November 2025 bis 30. Juni 2026 zur Kenntnis genommen. Seit Einführung des Angebots im Januar 2024 wurden insgesamt 483 Klientinnen*Klienten beraten. Im aktuellen Berichtszeitraum vom 1. November 2025 bis zum 30. Juni 2026 kamen 176 neue Klientinnen*Klienten hinzu.

Was ist die Aufgabe der Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen?

Die Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen beraten junge Menschen mit Behinderungen oder möglichen Leistungsansprüchen sowie deren Familien unabhängig und rechtskreisübergreifend. Sie unterstützen bei komplexen Antrags- und Zuständigkeitsverfahren, vermitteln zwischen den beteiligten Leistungsträgerinnen*Leistungsträgern und helfen dabei, passende Unterstützungsangebote zu finden. Gleichzeitig bringen sie ihre Erfahrungen in die strukturelle Weiterentwicklung einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe ein.

Wie intensiv diese Unterstützung ist, zeigen die aktuellen Zahlen: Im Berichtszeitraum wurden 1.186 Kontakte dokumentiert – darunter 576 schriftliche, 377 telefonische und 233 persönliche Kontakte. Insgesamt wurden seit Einführung des Angebots bereits 2.891 Kontakte erfasst. In 348 Fällen waren mehrere Kontakte erforderlich, durchschnittlich entfielen rund 5,9 Kontakte auf einen Fall. Gerade bei komplexen Verfahren ist eine konstante Begleitung wichtig, damit Familien ihre Ansprüche kennen und die für sie passenden Unterstützungen erreichen können.

Welche Anliegen stehen im Fokus?

Mehr als die Hälfte der Familien und jungen Menschen wendet sich mit dem Wunsch nach konkreter Unterstützung an die Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen. In rund 40 Prozent der Fälle steht zunächst der Informationsbedarf im Vordergrund – beispielsweise zu Zuständigkeiten, möglichen Leistungsansprüchen oder dem Ablauf eines Antragsverfahrens.

Eltern nehmen mit 43,8 Prozent am häufigsten selbst Kontakt auf. Dabei geht es zunehmend auch um die langfristigen Auswirkungen eines Verfahrens nach § 35a SGB VIII – etwa mit Blick auf die spätere berufliche Zukunft der Kinder. Gleichzeitig besteht ein wachsender Informationsbedarf zu Bearbeitungszeiten, Fristen und dem aktuellen Stand von Antragsverfahren nach dem SGB VIII und SGB IX.

Auch Schulen und der Allgemeine Soziale Dienst des Jugendamtes (ASD) nutzen das Beratungsangebot zunehmend. Der Anteil der Kontaktaufnahmen über den ASD stieg von 5,2 auf 10,2 Prozent, über Schulen von 2,9 auf 8,5 Prozent.

Welche Schwerpunkte werden gesetzt?

Ein besonderer Schwerpunkt der Vernetzungsarbeit liegt derzeit auf dem Übergang von der Kindertagesbetreuung in die Schule. Hier kann es zu einem Wechsel des zuständigen Leistungsträgers kommen. Das kann beispielsweise dazu führen, dass eine bereits eingesetzte Integrationskraft beim Übergang in die Schule zunächst nicht weiterbeschäftigt werden kann.

Die Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen haben deshalb Kindertageseinrichtungen gezielt informiert und gemeinsam mit dem "BildungsPunkt" sowie den zuständigen Koordinatorinnen*Koordinatoren des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) den Austausch verstärkt. Auch bei Ferienangeboten wurden bestehende Barrieren in den Blick genommen. Gemeinsam mit einem Kooperationspartner des "Ferienspatzes" wurde geprüft, wie Ferienfahrten inklusiver gestaltet und Hürden bei der Anmeldung abgebaut werden können. Die daraus entwickelten Ideen wurden bereits für die Sommerferien 2026 umgesetzt.

Wie werden bestehende Strukturen weiterentwickelt?

Neben der Beratung einzelner Familien geht es auch um die Weiterentwicklung der Strukturen. Insbesondere bei der Eingliederungshilfe für junge Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen nach § 35a SGB VIII besteht ein steigender Handlungsbedarf. Fallzahlen und Kosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede bei der Bearbeitung von Anträgen und bei der Beratung von Sorgeberechtigten.

Um hier einheitlichere Standards und Prozesse zu entwickeln, ist am 20. Juli 2026 ein Pilotprojekt im Bezirk III der Stadt Essen gestartet. Das Projektteam bearbeitet unter Steuerung des Qualitätsmanagements sämtliche neu eingehenden § 35a-Fälle in diesem Bezirk. Dabei werden Optimierungsmöglichkeiten analysiert und Handlungsempfehlungen für die gesamte Abteilung der Sozialen Dienste entwickelt. Eine Zwischenevaluation ist für Dezember 2026 vorgesehen.

Wie stellt sich die Arbeit der Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen in Zukunft dar?

Auch auf Bundesebene befindet sich die Kinder- und Jugendhilfe in einem Veränderungsprozess. Ein im August 2026 veröffentlichter Kabinettsentwurf zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe sieht vor, die Ansiedlung von Leistungen der Eingliederungshilfe für junge Menschen mit Behinderungen zu prüfen. Gleichzeitig sollen die Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen dauerhaft gesetzlich verankert werden.

Bis zum Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens arbeiten die Verfahrenslotsinnen*Verfahrenslotsen in Essen auf Grundlage ihres bisherigen gesetzlichen Auftrags weiter. Dabei stehen die Verbreitung des Angebots, die Vernetzung mit anderen Akteurinnen*Akteuren sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung der fachlichen Expertise im Mittelpunkt.

Weitere Informationen finden Interessierte online unter www.essen.de/verfahrenslotsen sowie in der Vorlage 1241/2026/4 .

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