Stahlbuch der Stadt Essen

Stahlbuch der Stadt Essen

Beinahe jede Stadt führt ein offizielles Gästebuch, in das sich bedeutende Persönlichkeiten anlässlich ihres Besuches eintragen. Dazu zählen u. a. Mitglieder royaler Häuser, hochrangige Politikerinnen und Politiker, zahlreiche Botschafter diverser Länder sowie herausragende Sportlerinnen und Sportler. Üblicherweise wird für diese besonderen Anlässe ein „Goldenes Buch“ bereitgehalten – ein Symbol für die Wertschätzung der jeweiligen Gäste.

Die Stadt Essen entschied sich jedoch für ein besonderes Gästebuch mit Alleinstellungsmerkmal. Bereits im Jahr 1934 wurde hier ein „Stahlbuch“ angelegt. Diese Entscheidung spiegelt die Identität der Stadt mit ihrer industriellen Geschichte wider, die wie kaum eine andere durch Kohle und Stahl geprägt wurde. Während die goldenen Bücher anderer Städte nicht wirklich aus Gold sind, besteht der Einband des Essener Buches tatsächlich aus massiven Stahlplatten, die bei der Friedrich Krupp AG aus einem 1.500 Kilogramm schweren Block nichtrostenden Chrom-Nickel-Stahls herausgearbeitet wurden. Die künstlerische Ausgestaltung übernahm die Buchbinderin Frida Schoy, die den Einband mit handgeschöpftem Büttenpapier versah und in seine endgültige Form brachte. Als einzige Verzierung schmückt bis heute außer dem Titel nur das Stadtwappen die Vorderseite des Buches, eine Emaille-Arbeit der Goldschmiedemeisterin Sigrid Keetmann.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen die Verantwortlichen vor einer schwierigen Entscheidung: Das ursprüngliche Stahlbuch war durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt und sollte in dieser Form auf keinen Fall weitergeführt werden. Daher entschloss sich die Stadt Essen im Jahre 1953 das Stahlbuch in modifizierter Form weiterzuführen. Nach sorgfältiger Abwägung traf man die Entscheidung, das bewusste Bekenntnis zur industriellen Geschichte und Identität der Stadt beizubehalten. Die vorhandenen Stahlplatten fanden weitere Verwendung, da sie keine nationalsozialistischen Insignien trugen, während das Innenleben vollständig entfernt und dem Stadtarchiv zugeführt wurde.

Mit der Eintragung des ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss legte die Stadt am 27. Juni 1953 den „Grundstein“ für das heutige Stahlbuch. Seitdem haben sich mehr als 190 Persönlichkeiten in das Buch eingetragen. Die Bandbreite reicht etwa von Papst Johannes Pau II. über den legendären Boxer Muhammad Ali und dem erfolgreichen Fußballtrainer Otto Rehagel bis hin zu Königin Beatrix der Niederlande.

Darüber hinaus dokumentiert das Stahlbuch aber auch stadthistorische Ereignisse wie z.B. den 1994 in Essen durchgeführten EU-Gipfel, das Stadtjubiläum „1150 Jahre Stadt und Stift Essen“ im Jahre 2004 oder auch den 100. Geburtstag des Museums Folkwang 2022.

Ein wesentliches Merkmal des Stahlbuchs ist seine künstlerische Gestaltung. Über mehr als vier Jahrzehnte hat der Grafiker Helmut Groth weit über 150 Seiten des Gästebuches entworfen. Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000 widmete er sich weiterhin dieser besonderen Aufgabe. Dabei entstanden sämtliche Eintragungen als handgefertigte Unikate. Jede Seite wurde mit Pinsel sowie traditionellen Techniken in kunstvoller Handarbeit gestaltet und mit Wappen, hoheitlichen Symbolen oder zum Anlass passenden Monumenten verziert – ganz ohne den Einsatz moderner Computertechnik. Erst im August 2020 legte Helmut Groth aus Altersgründen den Pinsel nieder und übergab die ehrenvolle Aufgabe an Karl-Heinz Weiner, der seitdem mit der gleichen Leidenschaft und Kreativität die hochrangigen Besuche der Ruhrmetropole graphisch dokumentiert.

Das Stahlbuch der Stadt Essen ist somit weit mehr als ein Gästebuch. Es ist ein lebendiges Zeugnis der Stadtgeschichte, ihrer industriellen Wurzeln sowie ihrer nationalen und internationalen Verbindungen – ein einzigartiges Symbol für Tradition, Identität und Gastfreundschaft.